Berührung: Was uns die Wissenschaft – und der Tango – verraten

In einer Welt der Videokonferenzen und sozialen Medien wird der Mangel an Händedruck, Umarmung und einfacher körperlicher Nähe schmerzhaft spürbar.

Wir leben in einem Zeitalter des Paradoxons. Nie zuvor waren wir durch Technologie so lückenlos vernetzt, und doch fühlen sich viele von uns isolierter denn je. Die jüngste Pandemie hat dieses Gefühl der physischen Distanz brutal verstärkt und einen um sich greifenden „Berührungshunger“ offengelegt. In einer Welt der Videokonferenzen und sozialen Medien wird der Mangel an Händedruck, Umarmung und einfacher körperlicher Nähe schmerzhaft spürbar. Dies ist kein rein soziales Problem; der Mangel an Berührung korreliert mit handfesten negativen Folgen wie Angstzuständen, Depressionen und einer Schwächung des Immunsystems.

Berührung ist eines unserer fundamentalsten Bedürfnisse, unsere erste Sprache, lange bevor wir das erste Wort formen. Doch was wissen wir wirklich über ihre Funktionsweise? Wie beeinflusst sie unsere Psyche und unseren Körper auf biochemischer Ebene?

Die Antworten kommen aus zwei Welten, die nur auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: der neuesten neurowissenschaftlichen Forschung und der jahrhundertealten Kunst des Tango Argentino. Eine wegweisende Meta-Analyse, die kürzlich in Nature Human Behaviour veröffentlicht wurde, liefert harte Daten, während der Tango als soziales Labor für Nähe und nonverbale Kommunikation dient. Gemeinsam enthüllen sie überraschende Wahrheiten darüber, was Berührung wirklich für uns bedeutet.

Es ist egal, wer Sie berührt – Hauptsache, Sie werden berührt

Entgegen der landläufigen Meinung, dass nur die Berührung von geliebten Menschen heilsam ist, kommt eine großangelegte Untersuchung zu einem erstaunlichen Ergebnis.

Die Meta-Analyse „A systematic review and multivariate meta-analysis of the physical and mental health benefits of touch interventions“ unter der Leitung des Forschers Julian Packheiser, die Daten von fast 13.000 Personen auswertete, fand bei Erwachsenen keinen signifikanten Unterschied bei den gesundheitlichen Vorteilen, ob die Berührung von einer vertrauten Person oder einem Profi – beispielsweise einem Masseur – ausging. Die verschiedenen Berührungsinterventionen wie Massagen oder Körperkontakt können effektiv Schmerzen, Depressionen und Angstzustände bei Erwachsenen lindern sowie die Gewichtszunahme bei Neugeborenen fördern. Aber bei Neugeborenen war die Berührung durch die Eltern deutlich vorteilhafter als die durch Fremde.

Diese Erkenntnis für Erwachsene scheint das Herz des Tango Argentino intuitiv zu erfassen. Hier kann eine intensive, emotionale Verbindung – die „conexión“ – mit einem völlig Fremden innerhalb von Minuten entstehen. Tänzer beschreiben, wie in der Umarmung zwei Menschen für die Dauer eines Tanzes zu einer Einheit verschmelzen, ohne ein Wort über den Beruf oder das Leben des anderen zu wissen.

Diese Erfahrung wird nicht durch soziale Vertrautheit, sondern allein durch die Qualität der Berührung und der nonverbalen Kommunikation geschaffen. Die Forschung untermauert dies: Selbst das Halten der Hand eines Fremden kann das Gehirn unter Stress nachweislich beruhigen. Es scheint, als reagiere unser Körper dankbar auf den Reiz an sich, fast unabhängig davon, wer ihn aussendet.

Mehr ist nicht immer besser – auf die Frequenz kommt es an

Wenn es um die gesundheitlichen Vorteile von Berührung geht, lautet die Devise nicht „je länger, desto besser“. Die erwähnte Nature-Meta-Analyse deckte eine weitere kontraintuitive Wahrheit auf: Eine höhere Frequenz von Berührungsinterventionen, also mehrere kürzere Sitzungen, war weitaus vorteilhafter als eine lange Einzelsitzung – insbesondere zur Reduzierung von Angst, Depression und Schmerz.

Überraschenderweise steigerte eine längere Dauer der einzelnen Einheiten die gesundheitlichen Vorteile nicht. Mehr noch: Längere Einheiten waren nicht nur neutral, sondern konnten bei bestimmten Stressmarkern wie Cortisol sogar kontraproduktiv wirken. Die jahrhundertealte Struktur des Tangos scheint dieses neurobiologische Prinzip vorwegzunehmen.

Eine „Tanda“, eine Tanzrunde mit einem Partner, hat eine klar definierte und relativ kurze Dauer von etwa 12 bis 15 Minuten. Es geht nicht darum, stundenlang ununterbrochen mit einer Person zu tanzen, sondern um die Regelmäßigkeit dieser intensiven, aber begrenzten Momente der Verbindung. Die Kunst liegt in der Qualität des Augenblicks, nicht in seiner unendlichen Ausdehnung.

Auch Roboter-Berührung wirkt, aber ihr fehlt die menschliche „Magie“

Kann eine Maschine menschliche Berührung ersetzen? Die Studie in Nature Human Behaviour gibt eine differenzierte Antwort. Berührungen durch Objekte oder Roboter können tatsächlich ähnliche körperliche Vorteile bringen wie menschliche Berührung, etwa bei der Stressregulation. Bei den mentalen Gesundheitsvorteilen schneiden sie jedoch deutlich schlechter ab.

Die Forscher prüften die Hypothese, dass fehlender Hautkontakt dabei eine Rolle spielt, und fanden tatsächlich Hinweise, die dessen Bedeutung für die mentale Gesundheit stützen, auch wenn diese in ihrer Sub-Analyse die Schwelle zur statistischen Signifikanz nicht erreichten. Doch die Erfahrung des Tangos zeigt, dass es um mehr als nur Haut geht.

Die „Magie“ der menschlichen Berührung liegt in dem, was ein Roboter nicht bieten kann: den subtilen, sinnlichen Details der Begegnung. Man riecht den anderen, spürt seine Wärme, nimmt wahr, ob er schwitzt. Ein Roboter kann Druck simulieren, aber er kann nicht den nonverbalen Dialog des Führens und Folgens eingehen, der eine Berührung von einem mechanischen Akt in eine bedeutungsvolle, kreative Interaktion verwandelt.

Berührung ist eine vergessene Sprache – und der Tango ist ein Intensivkurs

Berührung ist unsere „erste Sprache“. Als Säuglinge erkunden und verstehen wir die Welt über den Tastsinn. Doch im Laufe des Erwachsenwerdens gerät diese ursprüngliche Körpersprache oft in Vergessenheit. Wir verlernen, über Berührung zu kommunizieren und ihre Signale zu deuten.

Der Tango Argentino ist eine Praxis, die diese nonverbale Sprache reaktiviert. Er ist ein Dialog ohne Worte, der ausschließlich auf dem Führen und Folgen durch subtile Körpersignale innerhalb der Umarmung basiert. In Kursen, die Tango-Elemente für Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen wie Parkinson oder Depressionen nutzen, zeigen sich bemerkenswerte Erfolge.

Indem die Teilnehmer lernen, diesem nonverbalen Dialog wieder zu vertrauen, bauen sie ein tieferes Vertrauen in sich selbst und andere auf, was sich direkt in einem verbesserten Selbstwertgefühl und geringerer sozialer Angst niederschlägt. Zudem verbessern sich Koordination, Haltung und die Freude am Körperkontakt.

Wenn ich mit jemandem tanze dann versuchen wir in dem Moment eins zu werden … eine positive kreative Einheit.

Aus „Von der Bedeutung von Berührungen beim Tanzen

Die Kraft der Umarmung ist keine Poesie, sondern pure Biochemie

Tänzer beschreiben eine gelungene Tango-Umarmung oft mit poetischen Worten; sie „fühlt sich an wie Poesie“. Doch hinter dieser empfundenen Poesie steckt knallharte Biochemie. Sanfte, soziale Berührung aktiviert ein spezielles Nervensystem in unserer Haut, das sogenannte C-Taktile System. Dieses ist darauf spezialisiert, angenehme Berührungen zu verarbeiten und sendet Signale direkt an die emotionalen Zentren des Gehirns.

Diese Aktivierung setzt einen wahren biochemischen Cocktail frei. An vorderster Front steht Oxytocin, das „Bindungshormon“, das Vertrauen und soziale Bindungen stärkt. Gleichzeitig schüttet der Körper Endorphine aus, körpereigene Opioide, die Schmerzen lindern und Wohlbefinden erzeugen.

Das Ergebnis ist eine Kaskade messbarer Effekte: Das Stresssystem fährt herunter, Cortisolspiegel sinken, Herzfrequenz und Atmung verlangsamen sich. Gleichzeitig werden Schmerzreize blockiert und Ängste gedämpft, was indirekt sogar das Immunsystem stärkt. Was sich im Tango wie Magie anfühlt, ist die kraftvolle Wirkung unserer eigenen inneren Apotheke, aktiviert durch die einfache Geste einer Umarmung.

Manchmal erlischt unser Licht und wird durch einen Funken von einem anderen Menschen wieder entzündet.

Albert Schweitzer, zitiert von Hamid Tafazoli in „Tanz Februar 2021

Fazit

Die Botschaft aus Wissenschaft und Tanzsaal ist unmissverständlich: Berührung ist kein Luxus, sondern ein biologisches Grundbedürfnis, das überraschenden Regeln folgt. Es geht weniger darum, wer uns berührt, als dass wir berührt werden. Es geht um Regelmäßigkeit statt Dauer, und es geht um eine menschliche Qualität, die Maschinen nicht replizieren können.

Der Tango lehrt uns, was die Wissenschaft bestätigt: Diese erste und universellste aller Sprachen wiederzufinden, ist eine Notwendigkeit für unser Wohlbefinden.

In einer zunehmend distanzierten Welt stellt sich daher für jeden von uns eine tiefgreifende Frage: Wann haben Sie das letzte Mal aufgehört zu reden und begonnen, wirklich zuzuhören – mit Ihrem ganzen Körper?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert